EINE, DIE DU SIEHST, EINE, DIE ICH SEHE UND EINE, DIE WIR BEIDE NICHT SEHEN." 

                  (Aus China)

 

Wissenschaft und Homöopathie

Der uralte Streit, ob Homöopathie eine wissenschaftlich anerkannte Therapiemethode sei oder nicht, ob ihre Wirkung wissenschaftlich nachweisbar ist oder ob alle - scheinbare - Wirkung nur dem Placeboeffekt, d.h. der Einbildungskraft zuzuschreiben ist, ist in der letzten Zeit in den Medien wieder sehr in den Vordergrund getreten. Es ist sicherlich interessant, vorab das zu lesen, was ich hier unter "Aude sapere" schon beschrieben haben.

Diese Zeilen sind keine wissenschaftliche Arbeit, um den Beweis der Wirksamkeit oder Unwirksamkeit zu erbringen, sondern es sind meine persönlichen Gedanken dazu, die Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, anregen mögen, sich ebenfalls Ihre eigenen Gedanken dazu zu machen.

 

Die Homöopathie als Therapie besteht aus drei Bausteinen

Krankheitserkenntnis, das ist die Untersuchung, Symptombewertung, Diagnose und Prognose, wie wir es auch aus der konventionellen Medizin kennen.

Arzneierkenntnis, das ist die Wirkung homöopathischer Arzneien am Gesunden (Arzneiprüfung) und am Kranken (klinische Erfahrung) und entspricht sozusagen der Pharmakologie. Diese umfasst in der Homöopathie das Erforschen aller Symptome, die zweifelsfrei oder zumindest mit großer Wahrscheinlichkeit Wirkung des jeweiligen arzneilichen Stoffes sind. So hat jede homöopathische Arznei ihre eigenen Symptome, die in der sogenannten Materia medica und den Repertorien aufgelistet sind. Das sind die vielen Bücher auf dem Schreibtisch eines jeden Homöopathen oder Homöopathin!

Verordnung, das ist die Wahl des Heilmittels in jedem einzelnen konkreten Krankheitsfall. Die Erkenntnis aus der Analyse des Krankheitsfalles führt über verschiedene Ansätze zur Erkenntnis des konkreten homöopathischen Arzneimittels, das in seiner Wirkung den Symptomen des Falles in Ähnlichkeit entspricht (Ähnlichkeitsgesetz - das Grundgesetz der homöopathischen Therapie) und somit für diesen Fall zu verordnen ist.

Dieser dritte Teil ist der schwierigste, neben aller Methodik wirkt sich hier das intensive Studium und die Erfahrung des Homöopathen und der Homöopathin am deutlichsten aus. Hinzu kommt, dass im Laufe der vergangenen 250 Jahre homöopathischer Geschichte, sich mehrere unterschiedliche Herangehensweisen und Analysemethoden gebildet haben, die sich teilweise sehr voneinander unterscheiden. Dies führt dazu, dass wir heute sagen müssen, dass Homöopathie nicht mehr gleich Homöopathie ist, so sehr unterscheiden sich diese Analysemethoden eines Krankheitsfalles. Dies ist für Patienten nicht unerheblich, denn die Äußerung: "Mit der Homöopathie habe ich es schon versucht, das hat auch nicht geholfen!", hat keine Allgemeingültigkeit, denn es könnte durchaus sein, dass die Therapie bei einem anderen Homöopathen oder einer Homöopathin, mit anderen Analysemethoden, sehr wohl erfolgreich sein könnte. 

 

Kritik der Wissenschaft

Diese setzt an der Frage an, ob und wie homöopathische Arzneien wirken können, die doch so weit verdünnt sind, dass keine arzneilich wirkende Substanz mehr nachweisbar ist. Es ist also nicht die Homöopathie als Ganzes, die hinterfragt wird, sondern Dreh- und Angelpunkt aller Kritik sind die homöopathisch aufbereiteten Arzneistoffe. Der Vorwurf, dass diese Verdünnungen nicht mehr wirken können, ist so alt wie die Homöopathie selbst. Das Beispiel, dass der Tropfen in den Bodensee und ein Teelöffel davon entnommen eine homöopathische Arznei sei, kam schon zu Hahnemanns Zeiten auf, nur dass es damals der Genfer See war. Worin liegt der Fehler? Tatsächlich würde eine solche Verdünnung nicht mehr wirken, aber homöopathische Arzneien werden nicht nur verdünnt, sondern dazwischen potenziert, ein feiner, aber erheblicher Unterschied! Potenzierung heißt, die Verdünnung geschieht nicht in einem Schritt, sondern in vielen Teilschritten, zwischen denen die Ausgangssubstanz immer wieder verrieben und/oder geschüttelt wird. Und diese Potenzierung ist es, die Fragen aufwirft, denen sich die Forschung auch intensiv widmet. Wenn diese Potenzen noch eine Wirkung haben, worauf beruht diese, denn chemisch nachweisbare Moleküle sind nicht mehr vorhanden? Sind es Nano-Teilchen? Oder Wirkweisen, die wir noch gar nicht kennen? Ist es Information, die weitergegeben wird und wenn ja, wie? Wenn Sie Ihre Bücher alle chemisch untersuchen lassen, wird für alle Bücher so ziemlich der gleiche Befund herauskommen. Wie bei den Globuli - alles nur Milchzucker. Und doch ist der Inhalt, die Information eines jeden einzelnen Buches unterschiedlich zum Inhalt und der Information der anderen. Auch wie bei den Globuli. 

 

Das zweifache Problem der medizinischen Wissenschaft mit der Homöopathie

Zum einen definiert sich die Medizin als Naturwissenschaft, die sich überwiegend an physikalischen und chemischen Gesetzmäßigkeiten orientiert. Das sind Vorgänge der unbelebten Natur, oft noch unter Laborbedingungen erforscht. So scheint die Frage durchaus berechtigt, ob sich diese Erkenntnisse so einfach auf einen lebenden Organismus wie den Menschen übertragen lassen? Einen Organismus, der neben seiner Geistigkeit weitaus mehr ist, als physikalisch-chemische Vorgänge! Seit einiger Zeit schon gibt es die Bestrebung, den Begriff der Wissenschaft neu zu definieren und die unglückselige Trennung in Natur- und Geisteswissenschaften zu überwinden. Dieser neue Begriff von Wissenschaft stünde der Homöopathie wesentlich offener gegenüber, aber die Naturwissenschaftler des alten Schlages tun sich schwer damit, sich von ihrem alten Weltbild zu verabschieden. Wobei es eine gewisse Komik hat, dass es gerade innerhalb der Physik zu erheblichen Umbrüchen gekommen ist: die Erkenntnisse der Quantenphysik haben vieles der alten physikalischen Annahmen als nicht ganz richtig, einseitig oder sogar falsch überführt. So ist es gerade die neue Physik, die interessante Forschungsansätze zur Erklärung der Homöopathie anbietet! Vielleicht ist es eines Tages der Homöopathie und der durch sie aufgeworfenen Fragen zu verdanken, dass die Medizin das enge Weltbild der Naturwissenschaft verlassen und zu einer Wissenschaft im neuen Sinne werden konnte?

Das andere Problem der Medizin ist, dass sie als Naturwissenschaft immer das Allgemeine zu erforschen sucht. Dazu ein Beispiel. Was ist die allgemeine Definition von Migräne und welche Therapiemethoden und Medikamente haben sich als allgemein erfolgreich erwiesen (Evidenzbasierte Medizin)? Mit den dazu verwendeten Studien (doppelblind und randomisiert) wird alles Individuelle ausgemerzt, da es das Gesamtergebnis verfälscht. Was dem einen bei seiner Migräne geholfen hat, aber einigen anderen nicht, darf nicht beachtet werden, wenn das Allgemeine erforscht werden soll. Es werden also alle Migränepatienten über einen Kamm geschoren und die zwei oder drei am meisten erfolgreichen und durch Studien nachgewiesenen Therapien werden dann zu Leitlinien bei der Behandlung der Migräne. Die Schwierigkeit liegt nun darin, dass der einzelne Migränekranke dem Therapeuten als Individuum gegenüber sitzt, das Hilfe sucht mit seiner Beschwerde und nicht als allgemeine Migräne. Wenn das Individuum Glück hat, greift die allgemeine Leitlinientherapie der Migräne, aber wenn nicht? Wenn seine individuelle Migräne nicht der allgemeinen entspricht, was dann?

Der Ansatz der Homöopathie ist diesem naturwissenschaftlichen Denken vollkommen entgegen gesetzt. Wohl dient auch hier die allgemeine Migräne mit den ihr typischen Symptomen als Grundlage, um zu erkennen, welche der homöopathischen Arzneien überhaupt eine Migräne zu heilen vermögen. Innerhalb dieser Gruppe von Arzneien gibt es jedoch feine Unterschiede in einzelnen Symptomen, das heißt, dass Allgemeine wird durch das Individuelle ergänzt! Darauf beruht die Tatsache, dass es keine allgemeine Migränearznei in der Homöopathie geben kann, sondern mehrere Arzneien, die sich jeweils an einigen wenigen Symptomen voneinander unterscheiden - und diese wenigen, arzneitypischen Symptome führen dazu, dass zum Beispiel bei fünf Migränepatienten auch fünf verschiedene Arzneien erfolgreich verordnet werden. Damit wird deutlich, dass die naturwissenschaftliche Forderung der Schulmedizin an die Homöopathie von deren Grundwesen her nicht erfüllt werden kann! Die individuelle Migränebehandlung ist nicht reproduzierbar und was nicht wiederholt werden kann, ist naturwissenschaftlich nicht beweisbar.

 

Alles nur Placebo?

Was mit dieser Naturwissenschaft nicht beweisbar ist, muss psychisch sein, simuliert oder eingebildet - der Placeboeffekt. Um zu beweisen, dass die Homöopathie nur Placebo sei, wurde in den letzten Jahren die Erforschung dieses Phänomens, das es unbestritten gibt, intensiviert. Doch der Schuss ging nach hinten los, denn heute wissen wir, dass auch viele für wissenschaftlich gehaltene Wirkungen und Aussagen letztlich auf den Placeboeffekt zurück zu führen sind. So zeigt der Placeboeffekt seine positive Wirkung in allen therapeutischen Richtungen, sogar in der Chirurgie (Scheinoperationen). Vielleicht sollte uns diese Erkenntnis dahingehend nachdenklich machen, dass der menschliche Geist nicht nur ein zufälliges Beiprodukt des materiellen Körpers, sondern diesem übergeordnet ist? Auch das ist eine Frage, die aus dem engen Bett der Definition von Naturwissenschaft hinausführt. Es ist also nicht auszuschließen, dass auch bei der Homöopathie der Placeboeffekt seine Wirkung zeigt, aber als alleinige Erklärung genügt er nicht.

Dazu ein einfaches Beispiel aus dem Praxisalltag. Oft kommen austherapierte Patienten zur Homöopathie, was oft schwierige Fälle sind. Nun trifft auch der Homöopath oder die Homöopathin nicht gleich mit der ersten Arznei ins Schwarze und so kommt es zu keiner Besserung. Selbst die zweite und dritte Arznei versagen, der Homöopath bzw. die Homöopathin suchen verzweifelt nach der richtigen Arznei und der Patient versinkt erneut in Hoffnungslosigkeit. Ist jedoch die nächste Arznei die für den Fall richtige, beginnt der Heilungsprozess. Das heißt, obwohl Hoffnung und Mut als Brennstoff des Placeboeffekts sowohl beim Therapeuten als auch beim Patienten längst verpufft sind, zeigt sich Wirkung! Der Vorwurf der "Pseudo-Wissenschaftler", dass alles nur Placebo sei, ist eigentlich eine Ohrfeige für all jene Patienten, die mit der Homöopathie gesund werden durften oder zumindest Linderung erfahren konnten. Sie haben sich das nur eingebildet? Die Homöopathie ist nun, trotz aller Anfeindungen und Widrigkeiten, 250 Jahre alt. Seit 250 Jahren und ausgebreitet über fast die ganze Welt stellt sie täglich ihr Können unter Beweis: individuell und darum naturwissenschaftlich nicht nachweisbar. Seit 250 Jahren Tag für Tag Spinner, die sich alles nur einbilden? Ist diese These nicht doch sehr gewagt? Ist diese Tatsache nicht eher ein Indiz dafür, dass an der Homöopathie etwas "dran" sein muss? 

 

Summa summarum

Es lässt sich festhalten: naturwissenschaftlich ist die Wirkung der Homöopathie nicht bewiesen - das ist korrekt. Aber genau so wenig ist ihr Nicht-Wirken bewiesen! Und das sollte nicht vergessen werden. Die Homöopathie wirft Fragen auf, die mit dem momentan herrschenden Wissenschaftsverständnis nicht beantwortet werden können. Was ist also echtes wissenschaftliches Vorgehen? Diese Fragen als Blödsinn abzutun - oder sich ihnen zu stellen? Und mit diesem Erforschen die Chance haben, Neuland zu betreten? Soll die Wissenschaft denn als Forschung nur das immer schon Bekannte erneut bestätigen - wieder und wieder? Und sich damit endlos im Kreis des bekannten Weltbildes drehen? Wenn das tatsächlich die Aufgabe der Wissenschaft wäre, würden wir heute noch glauben, dass die Erde eine Scheibe sei. Der Aufruf kann also nicht lauten, dass die Homöopathie ihre Wirkung naturwissenschaftlich beweisen muss, sondern der Aufruf lautet an die Wissenschaft: hier ist etwas unerklärlich, findet die Antworten! 

(Die Nachteile der Durchökonomisierung unseres ganzen Lebens und damit auch der Medizin, die alles unter den Blickwinkel der Wirtschaftlichkeit zwingt, obwohl es nicht Aufgabe des Gesundheitswesens in all seinen Teilen wie Krankenhaus, Ambulanz/Praxen und Krankenversicherung sein kann, einen Gewinn zu erwirtschaften, ist ein Feld für sich, auf das ich hier nur in Klammern hinweisen möchte. Näheres dazu finden Sie in dem Buch von Giovanni Maio, siehe unten.)

Auch wenn die Homöopathie zum heutigen Stand noch nicht in der Lage ist, einen wissenschaftlichen Beweis für ihre Wirksamkeit zu erbringen, so gibt es doch sehr viele Indizien dafür. Wer sich näher für diese Forschungen interessiert, findet mit den unten angegebenen Verweisen eine Auswahl an Seiten im Internet, die vieles dazu bereit halten.

 

Nachbemerkung

Wenn heute eine Ärztin behauptet, dass sie die Homöopathie aufgegeben habe, weil ihre Praxiserfolge alle nur auf den Gesprächen, nicht aber auf der Wirkung der gegebenen Arzneien beruhen können, so drängen sich mir diese Fragen auf: a) Nach welcher homöopathischen Methodik hat sie gearbeitet? Es gibt sehr wohl Modeströmungen in der modernen Homöopathie, deren Schwerpunkt auf dem mehrstündigen psychologischen Gespräch beruht und diese modernen Formen haben in der Tat mehr mit Psychotherapie zu tun, aber nichts mehr mit der Homöopathie, die Hahnemann entdeckt und formuliert hat. b) Wie viele Jahre Erfahrung mit wie vielen Patienten und unterschiedlichen Krankheiten hat sie gesammelt? Ist diese Erfahrung in der Tat so groß, dass sie die Erfahrung von 250 Jahren als Einbildung zu entlarven vermag? Wiegt die Erfahrung einer einzelnen Person mit ihrer eigenen persönlichen Ansicht so viel mehr, als die Erfahrung von Tausenden von Homöopathen weltweit? Noch etwas macht nachdenklich: warum bringen die Medien überwiegend nur eine einseitige Berichterstattung unter Verletzung ihrer Objektivität, denn Gegendarstellungen werden meist nicht angenommen?

Mögen diese Zeilen Sie dazu anregen, diesen Fragen nachzugehen oder auch eigene Fragen zu finden und den Mut zu haben, sich diesen zu stellen. Mögen Sie all den Darstellungen in den verschiedenen Medien gegenüber wachsam sein und diese nicht unhinterfragt übernehmen. Dann hat es sich gelohnt, diese meine Gedanken, Fragen und Zeilen mit Ihnen zu teilen!

Links zu Internetseiten zum Thema Forschung und Homöopathie finden Sie hier.

 

Buchtipps:

Kurt Langbein, Weissbuch Heilung, Verlag Ecowin, Salzburg 2014

Giovanni Maio, Den kranken Menschen verstehen, Verlag Herder, Freiburg 2015

 

Autor: Christian Meinhard, Heilpraktiker-Homöopath, Praxis für Heilkunst, Biergasse 10, 75365 Calw